Wenn du immer gegeben hast — und seit Jahren leer bist.

Eine Frau Anfang vierzig sagt mir einen Satz, den ich in unterschiedlichen Varianten schon tausendmal gehört habe: „Ich gebe doch immer alles. Und trotzdem fühle ich mich nicht gesehen." Sie zählt mir auf, für wen sie da ist. Die Kinder, die Eltern, der Mann, die Schwester, das Team, die Freundinnen. Es ist eine lange Liste. Und wenn ich sie frage, wer sich um sie kümmert, kommt eine sehr lange Pause. Und dann ein leises: „Niemand. Aber das ist okay."

Es ist nicht okay. Sie weiß es, ich weiß es, und der Körper weiß es schon lange. Sie ist eine dieser Frauen, die alle halten — und langsam selbst auseinandergleitet. Nicht laut. Sondern leise. So leise, dass es niemand merkt. Auch sie selbst nicht.

Was systemisch dahinter liegt

In der systemischen Arbeit gibt es einen einfachen, aber sehr ehrlichen Gedanken: Beziehungen leben von einem Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen. Wenn das Gleichgewicht stimmt, fühlt sich Beziehung gut an. Wenn es kippt, wird sie zur Last — entweder für die, die immer gibt, oder für die, die immer nehmen muss.

Frauen wie die, von der ich erzähle, leben seit Jahren in einer Kippe. Sie geben so viel, dass die anderen gar nicht mehr im Stande sind, etwas zurückzugeben. Und dann beschweren sie sich leise, dass nichts zurückkommt. Aber das Drama ist: Hätte jemand etwas zurückgegeben, sie hätte es nicht annehmen können. Denn Frauen, die zu viel geben, haben oft genauso ein Problem damit, etwas anzunehmen.

Frauen, die zu viel geben, haben oft genauso ein Problem damit, etwas anzunehmen.

Warum „immer Geben" so attraktiv ist

Es klingt großzügig, immer zu geben. Es klingt nach Mutterherz, nach Liebe, nach Verantwortung, nach allem, was eine Frau angeblich sein soll. Aber wenn man genauer hinschaut, sieht man: Immer-Geben hat oft nichts mit Großzügigkeit zu tun. Es hat mit Sicherheit zu tun.

Wer gibt, hat die Kontrolle. Wer nimmt, ist verletzlich. Wer gibt, weiß, was er wert ist (so glaubt er zumindest). Wer nimmt, muss sich auf etwas verlassen, was ihm geschenkt wird. Viele Frauen haben in ihrer Kindheit gelernt, dass es sicherer ist, zu geben. Wer gibt, wird gebraucht. Wer gebraucht wird, wird bleiben dürfen. Wer immer gibt, ist nicht ersetzbar.

Es ist ein leiser Vertrag mit dem Leben: „Ich gebe, also bin ich. Solange ich gebe, gehöre ich dazu." Aber Verträge, die man als Kind unterschreibt, sind selten gerecht. Und mit vierzig steht plötzlich eine Rechnung im Raum, die niemand hat aufmachen wollen.

Was die meisten Frauen nie gelernt haben

Die meisten Frauen wissen ziemlich gut, wie man gibt. Sie wissen es so gut, dass sie es im Schlaf können. Was die meisten nicht gelernt haben, ist Nehmen.

Nehmen bedeutet nicht „sich etwas holen". Nehmen bedeutet etwas Stilles und Sehrkleines: das, was dir gerade angeboten wird, wirklich annehmen können. Ein Kompliment, das du nicht relativierst („Ach, das ist doch nicht so besonders"). Eine Hilfe, die du nicht sofort zurückgibst („Ich revanchiere mich nächste Woche"). Ein Geschenk, das du nicht hinterfragst („Warum gibst du mir das?"). Eine Liebe, die du dir gönnst, ohne sie zu rechtfertigen.

Nehmen ist die schwerste Disziplin für jemanden, der gelernt hat, dass Geben die einzige sichere Form von Liebe ist. Und es ist gleichzeitig genau die Disziplin, die wieder Gleichgewicht in dein Leben bringt.

Nehmen ist die schwerste Disziplin für jemanden, der gelernt hat, dass Geben die einzige sichere Form von Liebe ist.

Was wir in der Begleitung sehen

Wenn ich mit Frauen wie der vom Anfang arbeite, fragen wir nicht zuerst „Wo musst du weniger geben?". Wir fragen: „Wo hörst du, dass jemand dir gerade etwas geben will — und du es nicht annimmst?"

Sehr oft kommen dann Geschichten. Der Mann, der sie zum Kaffee einlädt und sie sagt, sie hat keine Zeit. Die Freundin, die anbietet, eine Stunde aufs Kind aufzupassen, und sie sagt „ist nicht nötig". Die Mutter, die ihr ein kleines Geschenk macht, und sie verkleinert es: „Das wäre nicht nötig gewesen, Mama."

Jedes dieser Nicht-Annehmen ist eine kleine Verletzung — nicht für die Geberin (obwohl auch für sie), sondern für die Frau selbst. Sie sagt sich damit: „Ich darf nichts bekommen." Sie nährt damit das alte Bild von sich selbst, dass sie nicht würdig ist, dass etwas zu ihr fließt.

Eine Übung, sehr klein, für die nächsten Tage

Heb in den nächsten Tagen aufmerksam an einer Sache fest: Wann bekommst du etwas — und was machst du damit? Ein Kompliment, eine Hilfe, ein Lächeln, eine kleine Geste. Und schau, was du innerlich tust. Wehrst du es ab? Verkleinerst du es? Gibst du sofort zurück? Bist du verlegen?

Und dann probiere: Sag einfach „Danke". Punkt. Kein Zusatz, keine Rechtfertigung, kein „aber das wäre doch gar nicht nötig gewesen". Nur ein klares Danke und ein Moment, in dem du das, was kommt, kommen lässt.

Es ist eine winzig kleine Übung. Und sie kann nach ein paar Wochen so viel verändern, dass du dich selbst nicht mehr wiedererkennst. Weil sie an etwas rührt, was viel größer ist als ein Kompliment: an dem stillen Glauben, dass du es wert bist, beschenkt zu werden.

Du bist es. Du warst es immer.

Wenn du spürst, dass dieses Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen tief in deiner Geschichte sitzt — und du gerne einmal in Ruhe darauf schauen würdest, woher es kommt — schreib mir. Manchmal wird in der systemischen Arbeit auf einmal sehr deutlich, wer in deiner Familie nie nehmen durfte. Und mit diesem Sehen löst sich oft etwas, was vorher fest schien.