Wenn Du immer die Stärkere bist.

Liebe Du, es gibt einen Satz, den viele Frauen über sich selbst sagen, halb stolz, halb erschöpft: „Ich bin halt die Starke." Sie sagen ihn in Beziehungen, in Familien, bei der Arbeit. Sie sagen ihn auch über sich, wenn niemand zuhört. Es ist nicht falsch. Es ist nur unvollständig.

Die Starke ist die, die hält. Die, die nicht zerbricht, wenn andere zerbrechen. Die, die hinhört, wenn andere ausreden müssen. Die, die noch funktioniert, wenn der Partner längst nicht mehr funktioniert. Es ist eine echte Begabung. Und sie hat einen Preis, den fast nie jemand benennt.

Die Stärkste in jedem Raum zu sein, ist keine Auszeichnung. Es ist eine Position, die Dich am weitesten von Dir selbst weghält.

Warum gerade Du gelernt hast, stark zu sein

Stärke kommt selten aus der Wiege. Stärke wird gebraucht. Wenn als Kind die Mutter überfordert war und Du die Erwachsene werden musstest. Wenn der Vater schwieg und Du die Stimmung tragen musstest. Wenn die Geschwister jünger waren und Du nie jünger sein durftest.

Du hast nicht entschieden, stark zu werden. Du bist in eine Lücke gewachsen, die sonst niemand füllen konnte. Heute füllst Du Lücken weiter — in Beziehungen, in Freundschaften, im Job. Und Du fragst Dich manchmal nachts: wer füllt eigentlich meine?

Was im Coaching passiert

Wir schauen mit Figuren auf die Systeme, in denen Du je stark sein musstest. Wer war schwach, wer hat es Dir überlassen, wer hat es nicht anders geschafft. Sehr oft kommt da etwas zutage, das Du als Kind nie sagen durftest: dass es nicht fair war. Dass Du auch klein sein wolltest. Dass Du auch jemanden gebraucht hättest, der für Dich tragt.

Sobald das einen Platz bekommt, darf die Starke in Dir leiser werden. Nicht weil sie verschwindet. Sondern weil sie endlich auch einmal aufgehoben ist. Und dann wird Stärke zu einer Eigenschaft, die Du wählst — und nicht zu einer Position, in der Du gefangen sitzt.

Stärke wird leichter, wenn sie nicht mehr die einzige Position ist, die Du im Leben einnehmen darfst.

Eine kleine Übung für heute Abend

Setz Dich hin. Schließ die Augen. Und frag Dich leise: „Wer hat mich je gehalten, ohne dass ich vorher stark sein musste?"

Vielleicht kommt sofort ein Name. Vielleicht kommt Stille und dann ein Bild. Vielleicht eine Großmutter, eine Lehrerin, eine Freundin, ein Onkel — jemand, bei dem Du klein sein durftest. Schreib auf, was kommt. Es ist Dein Anker.

Wenn Du seit Jahren die Stärkere bist und Dich heimlich fragst, wer Dich eigentlich trägt — schreib mir. Wir nehmen uns 30 Minuten und schauen, wo Du klein sein darfst. Manchmal reicht das, um wieder atmen zu können.