Kündigen oder bleiben? Die Frage hinter der Frage.
Liebe Du, wenn Du diese Frage seit Monaten mit Dir trägst, kennst Du das Karussell auswendig. Sonntagabend: Ich kann nicht mehr, ich kündige. Montagmittag: So schlimm ist es auch wieder nicht. Dazwischen Listen mit Vor und Nach, Gespräche mit Freundinnen, die längst nichts Neues mehr sagen können, weil Du selbst nichts Neues mehr sagst. Die Frage dreht sich. Und Du drehst Dich mit.
Ich habe eine Vermutung, warum die Antwort nicht kommt: weil die Frage falsch gestellt ist. „Kündigen oder bleiben" klingt wie eine Entscheidung zwischen zwei Türen. Aber meistens geht es gar nicht um die Türen. Es geht um das, was Du im Flur abgestellt hast — die eigentliche Frage, die schwerer ist als jede Kündigung: Wer wäre ich, wenn ich das nicht mehr aushalten müsste?
Nicht jede, die bleibt, hat sich für das Bleiben entschieden. Manche hat nur aufgehört, sich zu fragen.
Was das Karussell am Laufen hält
Frauen, die viel halten, bleiben selten aus Bequemlichkeit. Sie bleiben aus Verantwortung — für das Team, das ohne sie untergeht; für die Familie, die auf das Gehalt baut; für das Bild der Verlässlichen, das sie nie enttäuscht haben. Und oft wirkt noch etwas Älteres mit: ein Elternhaus, in dem Durchhalten eine Tugend war und Aufgeben ein Makel. Wer als Kind gelernt hat, dass man nicht geht, wenn es schwer ist, dem fühlt sich jede Kündigung an wie Verrat — nicht am Arbeitgeber, sondern an den eigenen Wurzeln.
Dazu kommt die Angst, die sich als Vernunft verkleidet: In meinem Alter. In dieser Wirtschaftslage. Mit meiner Verantwortung. Manchmal hat sie recht. Aber es lohnt sich zu prüfen, ob sie Wächterin ist — oder Gefängniswärterin.
Was im Coaching passiert
Wir stellen beide Wege auf — das Bleiben und das Gehen — und Du stellst Dich zu jedem. Das klingt schlicht, aber der Körper antwortet dort, wo der Kopf seit Monaten schweigt: Wie atmet es sich neben dem Bleiben? Was passiert in Deinen Schultern neben dem Gehen? Oft zeigt sich dabei ein dritter Weg, den die Entweder-oder-Frage verdeckt hat: bleiben, aber anders — mit Grenzen, die es vorher nicht gab. Oder gehen, aber später — vorbereitet statt geflüchtet. Die Entscheidung fällt selten in der Aufstellung. Aber sie wird dort zum ersten Mal Deine.
Eine kleine Übung für heute Abend
Beantworte schriftlich nicht die Frage „Soll ich kündigen?", sondern diese: „Was müsste sich ändern, damit ich von ganzem Herzen bleiben könnte?" Wenn Dir eine Liste einfällt: Das ist Dein Verhandlungsauftrag. Wenn Dir nichts einfällt — gar nichts —, dann hast Du Deine Antwort vielleicht schon länger, als Du zugeben magst.
Wenn Du das Karussell anhalten willst — schreib mir. Wir nehmen uns 30 Minuten und schauen, welche Frage bei Dir wirklich ansteht. Manchmal ist das der Moment, in dem aus monatelangem Kreisen zum ersten Mal ein Weg wird.