Wovor Deine Fehlerlosigkeit Dich schützt.
Liebe Du, es gibt eine Art zu arbeiten, die von außen wie Stärke aussieht und sich von innen wie Dauerprüfung anfühlt. Die Mail, die dreimal gelesen wird, bevor sie rausgeht. Die Präsentation, die um Mitternacht noch einmal umgebaut wird. Das Lob, das nicht ankommt, weil Du längst beim nächsten möglichen Fehler bist. Man nennt es Perfektionismus, und es klingt fast wie ein Kompliment. Es ist keins.
Denn Perfektionismus ist kein hoher Anspruch. Hoher Anspruch will, dass etwas gut wird. Perfektionismus will, dass nichts passiert. Er ist, wenn man ihn ernst nimmt, eine Angststrategie: Wer keinen Fehler macht, bietet keine Angriffsfläche. Wer makellos liefert, kann nicht beschämt, kritisiert, aussortiert werden. Die Frage ist also nicht: Warum bin ich so streng mit mir? Sondern: Was würde passieren, wenn ich einen Fehler mache — und woher kenne ich dieses Gefühl?
Perfektionismus ist die Rüstung derer, die einmal erlebt haben, dass Fehler die Liebe kosten können.
Die Buchhaltung dahinter
Viele perfektionistische Frauen kommen aus Familien, in denen Zuwendung an Leistung gekoppelt war — nicht böse gemeint, oft unausgesprochen. Die gute Note wurde gesehen, das Kind dahinter weniger. So entsteht eine innere Buchhaltung: Ich bin so viel wert, wie meine letzte Leistung fehlerfrei war. Das Konto ist nie voll, weil jede neue Aufgabe es wieder auf null setzt. Deshalb wirkt Erfolg bei Perfektionistinnen so seltsam wirkungslos: Er zahlt auf ein Konto ein, das nachts gelöscht wird.
Was im Coaching passiert
Wir arbeiten nicht an Deinen Standards — die dürfen hoch bleiben, sie sind ein Teil Deiner Qualität. Wir arbeiten an der Koppelung: Leistung hier, Wert dort. In der Aufstellung stellen wir oft den Fehler selbst auf — als Figur. Das klingt seltsam, aber wenn Du zum ersten Mal von außen siehst, wie viel Raum die Angst vor ihm in Deinem Leben einnimmt, verändert sich etwas. Und dann suchen wir den Moment, in dem ein kleines Mädchen begriffen hat, dass es sicherer ist, perfekt zu sein. Sie hatte recht — damals. Sie darf jetzt abgelöst werden.
Eine kleine Übung für heute Abend
Mach heute absichtlich etwas zu 90 Prozent. Eine Mail ohne dritte Korrekturschleife. Ein Abendessen ohne Anspruch. Und dann beobachte — nicht das Ergebnis, sondern Dich: Was meldet sich, wenn Du bei 90 aufhörst? Unruhe? Schuld? Eine Stimme? Notier den Satz, den die Stimme sagt. Er ist älter als Dein Job.
Wenn Deine Rüstung schwerer geworden ist als das, wovor sie schützt — schreib mir. Wir nehmen uns 30 Minuten und schauen, wann Du sie angezogen hast. Ablegen geht nicht über Nacht. Aber es geht.