Welches Bild trägst du heimlich von dir selbst — und woher kommt es?

Eine Frau sagt mir in der ersten Sitzung: „Ich bin halt die Vernünftige in der Familie." Sie sagt es leichthin, fast entschuldigend, als wäre es eine Eigenschaft wie braune Haare. Aber als ich sie frage, ob ihr das gut tut, ihre Vernunft, schaut sie eine Weile zur Seite. Dann sagt sie etwas, was sie sich vielleicht nie laut gesagt hat: „Ich glaube, ich bin so vernünftig, weil meine Mutter mit irgendwem in der Familie vernünftig sein musste."

Dieser Satz ist eine kleine Tür. Hinter ihr liegt etwas, das wir oft übersehen: dass die Bilder, die wir innerlich von uns selbst tragen, fast nie unsere eigenen sind. Sie sind in uns gewachsen, in den Jahren, in denen wir noch nicht entscheiden konnten, wer wir sind. Sie sind die Spiegelung dessen, was andere uns gezeigt haben, was sie in uns sehen wollten, brauchten oder am liebsten gesehen hätten.

Die Bilder, die wir innerlich von uns selbst tragen, sind fast nie unsere eigenen.

Wie diese Bilder in uns entstehen

Ein kleines Mädchen ist sehr aufmerksam. Sie spürt, welches Bild ihre Mutter von ihr trägt, und sie versucht, dieses Bild zu sein. Nicht aus Anpassung, sondern aus Liebe. Sie merkt, dass die Mutter sich beruhigt, wenn sie „die Vernünftige" ist. Dass der Vater stolz ist, wenn sie „die Leistungsstarke" ist. Dass die Großmutter sie liebt, wenn sie „die Liebe, Ruhige" ist. Dass die Schwester sie respektiert, wenn sie „die Coole" ist.

Diese Bilder werden zu ihren Bildern. Sie wachsen in sie hinein wie Kleidung, in die man hineinwächst. Nur dass diese Kleidung nie mehr ausgezogen wird. Mit dreißig, vierzig, fünfzig trägt sie immer noch die Vernünftige, die Leistungsstarke, die Liebe-Ruhige, die Coole. Und sie weiß nicht mehr, dass es nicht ihr eigenes Kleid ist.

Manchmal merkt sie es nur an einer leisen Müdigkeit. Daran, dass etwas nicht stimmt. Daran, dass sie das, was sie tut, perfekt macht — und sich trotzdem nicht spürt. Das sind die Frauen, die zu mir kommen.

Drei häufige Bilder, die ich oft sehe

In meiner Arbeit tauchen bestimmte Bilder immer wieder auf. Vielleicht erkennst du dich in einem von ihnen.

Die Starke. Sie hat früh gelernt, dass keiner Zeit hatte, wenn sie schwach war. Also wurde sie stark. So stark, dass ihre Schwäche heute keinen Platz mehr in ihr findet. Sie weint nicht. Sie bittet nicht. Sie hält alle. Und sie ist so erschöpft, dass sie nachts manchmal nicht weiß, wie sie morgen wieder aufstehen soll.

Die Ruhige. Sie hat als Kind erlebt, dass es laut wurde, wenn sie sich gezeigt hat. Also wurde sie still. So still, dass sie heute oft nicht mehr weiß, was sie selbst eigentlich will. Sie ist eine wundervolle Zuhörerin. Aber sie hat seit Jahren niemand mehr wirklich zugehört.

Die Gute. Sie hat gelernt, dass die Mutter sie liebte, wenn sie keine Mühe machte. Also macht sie keinem Mühe. Sie sagt selten nein. Sie sagt selten ja. Sie sagt, was die Stimmung erhält. Und sie spürt sich oft erst, wenn der Körper nicht mehr mitspielt.

Mit dreißig, vierzig, fünfzig trägt sie immer noch das Kleid, das ihr mit fünf zum ersten Mal angezogen wurde.

Was sich verändert, wenn das einmal sichtbar wird

In der Begleitung mache ich diese Bilder nicht weg. Das wäre auch gar nicht möglich — und es wäre nicht richtig. Diese Bilder haben uns einmal getragen. Sie haben uns durch eine Kindheit gebracht, in der wir uns sicher fühlen mussten. Sie verdienen Würde, nicht Verachtung.

Aber wir können hinschauen. Wir können sagen: „Aha, da bist du, alte Vernünftige. Du hast mich lange gehalten. Danke. Aber ich bin heute jemand, der auch unvernünftig sein darf — und der manchmal nichts halten muss." Und dann passiert etwas Erstaunliches. Das Bild wird leiser. Es verschwindet nicht — aber es bestimmt nicht mehr alles. Es ist da, als Teil von dir, aber nicht als der ganze Du.

In dem Raum, der dadurch entsteht, kommt etwas Neues hervor. Etwas, das du selbst kaum kennst. Die Frau, die du wärst, wenn niemand dir früh ein Bild aufgemalt hätte. Die ist nicht erfunden — sie war immer da. Sie ist nur leise geworden.

Eine Übung für heute Abend

Stell dir vor, eine Freundin fragt dich: „Sag in drei Worten, wie du dich selbst siehst." Schreib sie auf. Spontan, nicht klug. Die ersten drei Worte, die dir kommen.

Schau sie dir an. Und dann frag dich bei jedem dieser drei Worte: „Wann bin ich das das erste Mal geworden? Und für wen?"

Es ist keine einfache Übung. Es kann sein, dass du beim zweiten Wort merkst, dass du es seit deinem fünften Lebensjahr trägst — weil deine Mutter es so brauchte. Und es kann sein, dass du beim dritten Wort merkst, dass du es nie für dich selbst gewählt hast.

Das ist nicht der Anfang einer Krise. Das ist der Anfang einer Befreiung.

Wenn dieses Hinschauen größer wird, als ein Abend dafür hat — wenn du spürst, da liegt eine Geschichte unter deinen Bildern, die du gerne einmal in Ruhe ansehen würdest — schreib mir. In der Arbeit mit Figuren können wir genau diese Bilder sichtbar machen, ihnen Würde geben und dir wieder neuen Raum öffnen.