Spüren lernen, wenn man jahrelang funktioniert hat.
Liebe Du, vielleicht hast Du das schon einmal erlebt: Jemand fragt Dich, was Du gerade fühlst — und es kommt nichts. Kein Wort. Keine Antwort. Nicht weil Du Dich verschließt. Sondern weil tatsächlich nichts kommt. Eine leere Linie zwischen Frage und Bauch.
Das ist nichts, wofür man sich schämen müsste. Das ist eine Hochleistung. Du hast jahrzehntelang so gut funktioniert, dass das Fühlen dabei nicht im Weg sein durfte. Dein System hat es weggeräumt, sorgfältig, in einen Raum, den Du selbst nicht mehr findest.
Spüren lernen, wenn man so lange funktioniert hat, ist deshalb keine Frage von „mehr in den Körper kommen". Es ist eine Frage davon, einen Raum wieder freizuschalten, den Du selbst geschlossen hast, damit Du tragen konntest.
Wenn Du nicht spürst, ist das nicht Defekt. Es ist Disziplin. Du hast Dich abgeschnitten, damit Du tragen konntest.
Die zwei Arten von Funktionieren
Es gibt ein gesundes Funktionieren. Du machst Deine Sachen, und am Ende des Tages bist Du müde, hast aber gefühlt. Du hast Dich geärgert, gelacht, gefreut, vielleicht geweint. Das ist Leben mit Druck.
Und es gibt das andere Funktionieren. Da läuft alles. Du machst Dein Pensum. Du bist freundlich. Du machst Sport, Du isst gesund, Du gehst zur richtigen Zeit ins Bett. Aber wenn jemand fragt: Was hast Du heute gespürt? — kommt nichts. Kein Schmerz. Keine Freude. Nur Statistik.
Das zweite Funktionieren ist eine Lebensform, in die viele Frauen Mitte 30 bis Mitte 50 hineinrutschen, ohne es zu merken. Sie funktioniert nach außen perfekt. Sie funktioniert nach innen gar nicht mehr.
Was im Coaching passiert
Wir beginnen nicht mit „spür mal in Dich rein". Das ist die häufigste Frage von Coaches, und sie ist für funktionierende Frauen die zermürbendste. Du sitzt da, sollst „spüren", und in Dir ist nichts, und Du fühlst Dich falsch.
Wir beginnen anders. Wir schauen mit Figuren oder Bildern darauf, wo Dein Fühlen früher einmal lebendig war. Welche Person Dich richtig sehen konnte. Welcher Ort Dir gehört hat. Welches Alter Du warst, als das Spüren noch da war. Das ist der Anker.
Von dem Anker aus kann Dein System wieder erinnern, wie sich Spüren anfühlt. Nicht als Erleuchtung. Sondern als sehr kleine, fast unsichtbare Wiederöffnung. Ein leises „ach, da war es ja". Mehr braucht es nicht, um den Anfang zu machen.
Eine kleine Übung für heute Abend
Frag Dich leise: „Wann habe ich das letzte Mal etwas gespürt, ohne mich gleichzeitig zu fragen, ob es passt?"
Vielleicht kommt ein Bild aus der Kindheit. Vielleicht eine Szene mit zwölf, sechzehn, zweiundzwanzig. Vielleicht eine Person. Schreib auf, was kommt. Bewerte nichts. Du musst auch nichts machen. Es geht nur darum zu erinnern, dass es Dich gab.
Wenn Du das Spüren verloren hast und nicht weißt, wo Du anfangen sollst — schreib mir. Wir nehmen uns 30 Minuten und schauen, wo Dein Spüren einmal lebendig war. Manchmal reicht das, um den ersten Faden wieder zu finden.