Hör auf, dich zu vergleichen — vor allem jetzt.

Eine Frau, 39, sitzt mir gegenüber und sagt diesen Satz, den ich von Frauen Ende dreißig immer wieder höre: „Irgendwas läuft bei mir nicht so wie bei den anderen." Sie zählt mir auf, was die anderen haben oder nicht haben. Die Schulfreundin mit drei Kindern. Die Kollegin, die gerade Großmutter geworden ist. Die Bekannte aus dem Yoga, die letztes Jahr noch das zweite Studium angefangen hat, mit Mitte vierzig. Sie wirkt nicht beneidet — sie wirkt erschöpft.

Ich habe einmal einen englischen Satz gelesen, den ich seitdem oft an Frauen weitergebe, die so erschöpft bei mir sitzen. Er beschreibt etwas, was niemand so klar in Worte gefasst hat:

„Mit fast vierzig wird es seltsam, ehrlich. Die Menschen in deinem Alter sind in jeder Lebensphase gleichzeitig. Manche sind schon Großeltern. Manche haben gerade Neugeborene. Manche daten Fünfundzwanzigjährige. Manche feiern ihre zwanzig Jahre Ehe. Manche sehen aus wie sechzig, manche wie dreißig. Mit fast vierzig ist alles gleichzeitig richtig."

Ich liebe diesen Satz, weil er etwas tut, was wir uns selbst selten erlauben: Er sagt, dass es keine Sortierung gibt. Keine Phase, die richtig ist, und keine, die falsch ist. Es gibt einfach Leben — und unzählige Versionen davon, die alle gleichzeitig stattfinden.

Wir vergleichen mit einer Liste, die es nicht gibt

In meiner Arbeit höre ich Vergleichsschmerz fast jede Woche. Die Frau, die mit 37 noch keine Kinder hat und denkt, sie sei „spät dran". Die Frau, die mit 42 zwei Kinder hat und denkt, sie habe „gar nichts beruflich erreicht". Die Frau, die beruflich vorne ist und denkt, sie habe „das Wichtige verpasst". Die Frau, die geheiratet hat, und die Frau, die nicht geheiratet hat, und die Frau, die sich gerade scheiden lässt — und alle haben das Gefühl, irgendwie an der falschen Stelle der Liste zu stehen.

Aber die Liste, mit der wir uns vergleichen, gibt es gar nicht. Sie ist ein Konstrukt aus Magazinen, aus Instagram, aus der eigenen Mutter, aus dem Satz „in deinem Alter sollte man doch …" Und sie ist immer so geschnitten, dass du daneben stehst. Egal wo du bist.

Die Liste, mit der wir uns vergleichen, gibt es nicht. Sie ist immer so geschnitten, dass du daneben stehst.

Was systemisch dahinterliegt

Wenn ich systemisch arbeite, schaue ich gern hin, wessen Stimme da eigentlich vergleicht. Sehr oft ist es nicht meine Stimme, die da spricht. Es ist eine Stimme aus meiner Herkunftsfamilie. Eine Mutter, die nie sagen konnte, dass sie stolz ist. Ein Vater, der erwartet hat, dass es so läuft wie bei seiner Schwester. Ein Großvater, der in einer Welt großgeworden ist, in der es nur einen einzigen Weg gab.

Wenn wir das mit Figuren aufstellen, sehen Frauen oft etwas Überraschendes: Sie selbst stehen gar nicht im Zentrum ihrer eigenen Vergleichs-Schleife. Es stehen drei oder vier andere Menschen da, die ihr inneres Maßband halten — und sie selbst steht etwas verloren am Rand und versucht, allen gleichzeitig zu genügen.

Das, was wir „Vergleich mit anderen" nennen, ist meistens etwas viel Älteres. Es ist eine alte Loyalität: das Maßband, das deine Familie an dich anlegt, nicht aus dir herauszunehmen, sondern es für sie weiter zu halten.

Was du tun kannst, heute noch

Das Vergleichen hört nicht auf, weil du es dir verbietest. Es hört auf, wenn du dem Maßband etwas entgegensetzt — etwas Eigenes, etwas Konkretes, etwas, das dir gehört.

Hier eine kleine Frage, die du dir heute Abend stellen kannst: „Wenn ich heute, mit meinen aktuellen Lebensumständen, völlig in Ordnung wäre — was würde ich aufhören zu tun? Was würde ich anfangen zu tun?"

Schreib es auf. Nicht mit der Ambition, dein Leben umzuwerfen. Nur mit der Neugier, was du eigentlich tun würdest, wenn die fremden Maßbänder einen Moment lang ausgeschaltet wären. Du wirst überrascht sein, wie schnell etwas kommt — und wie klein und konkret es ist. Eine Aussage absagen. Ein Buch zu Ende lesen. Eine Frage stellen, die du seit Wochen herumträgst. Eine Stunde länger schlafen. Etwas tun, was niemand bewertet.

Das ist nicht „weniger ambitioniert" zu sein. Das ist anfangen, dein eigenes Maß zu nehmen. Und es ist das, was du wirklich brauchst — nicht ein Vergleich weniger, sondern ein Maß mehr.

Eine letzte Wahrheit

Wenn ich auf die Frauen schaue, die zu mir kommen, sehe ich keine, die zurück ist. Ich sehe nur Frauen, die nicht mehr glauben können, dass sie an der richtigen Stelle ihres eigenen Lebens sind. Und das hat nichts mit Alter, Status oder Familienform zu tun. Das hat damit zu tun, dass sie ihrem eigenen Tempo nicht mehr trauen.

Aber dein Tempo war immer da. Auch in den Jahren, die dir „verloren" vorkommen. Auch in den Phasen, in denen alles still war. Auch in den Momenten, in denen jemand anderes etwas erreicht hat, was du nicht erreicht hast. Du warst die ganze Zeit du. Und das ist viel.

Wenn dieser Vergleichsschmerz sich nicht mehr von allein auflösen will und du das Gefühl hast, dass alte Loyalitäten in dir das Maßband halten — schreib mir. Wir nehmen uns 30 Minuten und schauen, wessen Stimme da eigentlich vergleicht.