Warum sich so viele Frauen nicht gewertschätzt fühlen — und warum die Antwort selten dort liegt, wo wir sie suchen.
In fast jeder zweiten Sitzung höre ich diesen Satz: „Ich werde einfach nicht gesehen." Manchmal sagt ihn eine Mutter über ihren Mann. Manchmal eine Beraterin über ihre Vorgesetzten. Manchmal eine Tochter über ihre Eltern. Es ist immer dieselbe Wunde — und sie sitzt selten dort, wo wir glauben.
Wenn eine Frau zu mir kommt und sagt, sie fühle sich nicht wertgeschätzt, ist meine erste Frage nie: „Wer wertschätzt dich nicht?" Die Frage liegt nahe — und sie ist trotzdem die falsche. Denn sie führt uns auf die Außenseite. Dort, wo wir am wenigsten Kontrolle haben. Wir laufen los, sammeln Beweise, machen den Mann verantwortlich, die Mutter, den Chef, das Team. Und werden nicht weniger einsam dabei.
Meine erste Frage ist anders. Sie lautet: „Wann hast du dich selbst zuletzt wertgeschätzt — laut, vor dir selbst?"
Die Antwort ist fast immer ein langes Schweigen.
„Wann hast du dich selbst zuletzt wertgeschätzt — laut, vor dir selbst?"
Die zwei Sorten von Wertschätzung
Es gibt eine Wertschätzung, die von außen kommt. Sie ist wichtig, ja. Aber sie ist instabil. Sie hängt davon ab, ob der andere gerade Lust hat zu sehen. Ob er Zeit hat. Ob er selbst gerade nicht zu beschäftigt ist mit sich. Diese Wertschätzung ist ein Geschenk — wir können sie uns nicht erarbeiten, nicht erzwingen, nicht herbeireden.
Und es gibt eine zweite. Die innere. Die hört sich anders an. Sie sagt zum Beispiel: „Heute habe ich drei schwierige Dinge gemacht, vor denen ich mich seit Wochen gedrückt habe. Das war stark." Oder: „Ich war heute mit mir geduldig. Das tue ich nicht oft." Oder einfach: „Ich bin froh, dass es mich gibt."
Viele Frauen, die zu mir kommen, haben verlernt, diese zweite Stimme zu hören. Sie ist nicht weg. Sie ist nur sehr leise geworden. Manchmal so leise, dass die Frau sie selbst kaum noch hört — und dann wundert sie sich, dass auch von außen niemand laut genug ruft.
Warum es genau dort eng wird
Frauen, die sich nicht wertgeschätzt fühlen, sind selten Frauen, die wenig leisten. Im Gegenteil. Es sind oft die, die alles halten. Die Mutter, die nachts noch die Wäsche faltet. Die Beraterin, die das Deck noch einmal überarbeitet, obwohl es schon gut war. Die Frau, die seit zehn Jahren funktioniert.
Wenn man so viel gibt, baut sich eine stille Erwartung auf: „Das muss doch jemand sehen." Und wenn niemand groß genug sieht — und niemand kann je groß genug sehen, was wir innerlich gegeben haben — wird die Wunde tiefer.
Aber: Wir füllen den anderen mit einer Aufgabe, die er nicht haben kann. Niemand kann uns das geben, was wir uns selbst nicht zugestehen. Es ist, als würden wir mit einem Eimer ohne Boden zum Brunnen gehen. Nicht der Brunnen ist das Problem.
Es ist, als würden wir mit einem Eimer ohne Boden zum Brunnen gehen.
Was wir in der Aufstellung sehen
Wenn wir das in einer systemischen Aufstellung sichtbar machen, passiert oft etwas Überraschendes: Die Frau erkennt, dass nicht nur ihr Partner sie nicht sieht. Sondern dass sie selbst sich nicht sieht. Und dass sie das von ihrer Mutter gelernt hat, die es von ihrer Mutter gelernt hat. Es ist ein altes Muster. Es ist nicht ihre Schuld.
Aber sie ist diejenige, die es jetzt durchbrechen kann.
Das ist die eigentliche Arbeit. Nicht: den Partner verändern. Nicht: den Job wechseln. Sondern: lernen, dich selbst zu sehen — bevor du es von anderen erwartest. Nicht als Pflicht. Nicht als „Selbstoptimierung". Sondern als ehrliche Rückkehr zu dir.
Eine kleine Übung
Wenn du magst, probiere das einmal: Setz dich am Abend hin, mit nichts in der Hand. Nicht das Handy, nicht ein Buch. Frag dich: „Was habe ich heute getan, das ich gut finde?" Nicht groß. Klein reicht. Es kann das Telefonat mit deiner Tante gewesen sein. Es kann sein, dass du dem Drang widerstanden hast, die Stimme zu heben. Es kann sein, dass du einfach durchgehalten hast an einem Tag, der schwer war.
Sag es laut. Auch wenn niemand zuhört. Vielleicht gerade dann.
Du wirst merken: Beim ersten Mal kommt nichts. Beim dritten Mal kommt ein bisschen was. Nach zwei Wochen kommen Sätze, die dich selbst überraschen. Und irgendwann — das ist nicht garantiert, aber es passiert oft — wirst du merken, dass du dich nicht mehr ganz so dringend von außen gesehen werden musst. Weil du dich selbst zu sehen beginnst.
Und dann verändert sich auch das, was von außen kommt. Nicht, weil die anderen plötzlich anders sind. Sondern weil du anders bist im Raum.
Wenn dieser Brief etwas in dir berührt hat und du das Gefühl hast, dass dieses Thema bei dir größer ist als eine Abendübung, schreib mir. Wir nehmen uns 30 Minuten Zeit und schauen gemeinsam.